Stoffwechselerkrankungen in der Generation fünfzig plus.

Was können Biofaktoren bewirken?

 

Worauf es ankommt, um Stoffwechselstörungen im Alter zu vermeiden und wo Optimierungsbedarf bei der Behandlung mit Vitaminen und Mineralstoffen besteht, war Thema eines Symposiums der Gesellschaft für Biofaktoren im November 2012 in Frankfurt.

 

Den Kriterien der WHO zufolge ist man ab dem 51. Lebensjahr ein alternder Mensch. In den westlichen Gesellschaften fühlt man sich jedoch um 5 - 10 Jahre jünger als der Pass verrät. Das biologische Alter unterscheidet sich also beträchtlich vom kalendarischen, wie Prof. Hans-Georg Classen von der Universität Hohenheim berichtet.

Tatsache ist jedoch, dass Bluthochdruck die häufigste internistische Erkrankung der Menschen zwischen 50 und 60 Jahren ist, erklärt Prof. Klaus Kisters von der Medizinischen Klinik I des St. Anna Hospitals in Herne. „Deutschland ist das Land, in dem die meisten Bluthochdruckkranken weltweit zu finden sind.“ So leidet jeder 2. der über 50-jährigen mittlerweile unter einer Hypertonie. Hoher Blutdruck sei aber der Hauptrisikofaktor für Herzinfarkt und Schlaganfall, gibt der Internist zu bedenken. „Wir wissen, dass Patienten, die einen hohen Blutdruck haben, etwa 5 Mal häufiger einen Herzinfarkt bekommen und 8 Mal häufiger einen Schlaganfall,“ so seine klinischen Erfahrungen.

 

Der Blutdruck reagiert auf Magnesium

In diesem Zusammenhang verdienen Patienten mit Grenzwerthypertonie besondere Beachtung, meint Prof. Kisters. Eine Grenzwerthypertonie liegt vor, wenn sich der systolische Blutdruck zwischen 140 und 149 mmHg bewegt und der diastolische zwischen 90 und 95 mm Hg. „Diese Patienten haben häufig einen Magnesiummangel. Wenn sie mit Magnesium behandelt werden - das hilft, „so Prof. Kisters. Effekte würden allerdings erst mit höheren Dosierungen sichtbar werden, beispielsweise nach Supplementation von 400- 500 mg Magnesium pro Tag, rät der Experte. So könne eine Senkung des systolischen Bereichs von 8 mm Hg und des diastolischen Bereichs von 3 mm Hg erzielt werden. Ebenso wie die Hypertonie würden das metabolische Syndrom und der Diabetes zu den Volkskrankheiten der Generation fünfzig plus gehören. Zu wenig Magnesium könne auch hier die Lage deutlich verschlechtern.

 

Diabetes: Vitamin B1 als zelluläre Müllabfuhr

Aufgrund des gestörten Zuckerstoffwechsels häufen sich beim Diabetiker übermäßig viele Glykierungsendprodukte ( AGEs) an. Nach der Bindung an einen spezifischen Rezeptor regen sie die Bildung von Sauerstoffradikalen und entzündlichen Prozessen in den Zellen an. Die AGE-Bildung ist daher ein wichtiger pathogenetischer Faktor für die Entstehung diabetischer Folgeerkrankungen wie der Neuropathie, erklärte der Diabetologe Prof. Burkhard Herrmann aus Bochum. „Eine Nervenbeteiligung tritt in 50% der Fälle bei langdauerndem Diabetes auf, also jeder 2. Diabetiker ist davon betroffen. Wir sprechen hier von 8-10 Millionen Diabetikern in Deutschland.“ Die Akkumulation von AGEs sei mit zellulärem Müll vergleichbar, der abtransportiert werden müsse. Diese Müllabfuhr sei das Vitamin B1 in Form des fettlöslichen Benfotiamins. Das dazu nötige Benzin werde in Form des AGE-abbauenden Enzyms Transketolase bereitgestellt, vergleicht Prof. Herrmann die Wirkungsweise. Vitamin B1 ist das Coenzym der Transketolase. Ein Mangel verringert die Enzymaktivität und erhöht die Menge an nervenschädigenden AGEs. Liege ausreichend Benfotiamin vor, das wirksamer als Thiamin sei, könne die Entstehung einer peripheren Neuropathie gehemmt werden. Bestehende Symptome könnten kausal behandelt werden. Eine solche „personalisierte“ Medizin sei auf jeden Fall vorzuziehen, so das Fazit von Prof. Herrmann.

 

Magnesiummangel erhöht das Gefäßrisiko

Im Hinblick auf das Gefäßrisiko spielt nicht nur Magnesiummangel eine Rolle. Auch auf die Calcium-Magnesium-Ratio sollte geachtet werden, betont Prof. Kisters. Wenn dieses Verhältnis über 4 liege, sei das ein deutlicher Marker für Arteriosklerose, wie seine eigenen Untersuchungen belegen. Bei Hypertonie-Patienten sei das Verhältnis jedoch signifikant erhöht. Dabei komme es zu einer Verschiebung der intrazellulären Konzentrationen: Während der Calciumwert ansteige, falle der Magnesiumspiegel stark ab. Ein weiterer Gefäßmarker ist der Pulsdruck, der die Differenz zwischen systolischem und diastolischem Blutdruck ausdrückt. Hier deuten Werte über 60 auf ein arteriosklerotisches Geschehen hin. Da Patienten mit Magnesiummangel immer einen erhöhten Pulsdruck haben, bestehe zwischen beiden Parametern eine signifikante Korrelation, erklärt Prof. Kisters.

Wie gefährdet ältere Patienten mit einem Magnesiummangel tatsächlich sind, zeigte sich in einer Befragung. Daran nahmen 38 Patienten teil, die in Berlin in einer Selbsthilfegruppe für Patienten mit schwerem Magnesiummangel betreut wurden und „alle krank waren“, so Prof. Kisters. Bei 84,2% trat Hypertonie auf, bei 60,5% ein erhöhter Pulsdruck, bei 76,3% eine Fettstoffwechselstörung und bei 50% wurde eine erhöhte Intima/Media-Dicke gemessen. Epidemiologisch gesehen, kam es bei diesen Patienten häufiger zu einem Schlaganfall als zu einem Herzinfarkt, so Prof. Kisters. „Ein Schlaganfall ist hier 3 fach erhöht im Vergleich zur Normalbevölkerung“.

„Magnesiummangel-Patienten haben viele internistische Erkrankungen, fast alle haben Bluthochdruck und viele von ihnen sind schlaganfallgefährdet,“ fasst Prof. Kisters zusammen und rät dazu, Magnesium bei erhöhtem Blutdruck eher höher dosiert einzusetzen als niedriger. Dabei sei wichtig, dass Magnesium in organisch gebundener Form vorliege.

 

Bei Mineralstoffmangel an Arzneimittel denken

Allerdings müsse bei älteren Patienten die gesamte Medikation unter die Lupe genommen werden, denn Wechselwirkungen mit Magnesium seien häufig, warnt der Apotheker und Mineralstoffexperte Uwe Gröber aus Essen. So können die häufig eingesetzten Protonenpumpenhemmer schwere Fälle von Hypomagnesiämie verursachen. Auch das Immunsystem im Magen/Darmbereich würde beeinflusst, weil sich das Bakterienspektrum verschiebe. Magnesiummangel zieht immer auch einen Kaliummangel nach sich, so Uwe Gröber. „Ohne Magnesium leckt Kalium aus der Zelle, und Elektrolytstörungen und Fettstoffwechselstörungen sind die Folge“, warnt der Experte.

 

Herz und Gefäße profitieren von Vitamin D

Schließlich komme es mit zunehmendem Alter auch auf den Vitaminstatus an, betont Prof. Dieter Loew, klinischer Pharmakologe aus Wiesbaden. Hier sei Vitamin D besonders hervorzuheben, denn ein Mangel zeige sich nicht nur am Knochengewebe. „Auch das Risiko für Angina pectoris und Herzinsuffizienz ist bei einem unzureichenden Vitamin D-Status erhöht“, erklärt Prof. Loew. So bestehe eine Korrelation zwischen einem niedrigen Vitamin D-Spiegel und Infektanfälligkeit, was sich besonders bei älteren Patienten auswirke. Niedrige Vitamin D- Spiegel seien außerdem mit gestörter Insulinsensitivität, dem Auftreten von Krebserkrankungen und mit der Gesamtsterblichkeit korreliert. Es sei jedoch auch ein positiver Effekt ausgemacht worden: erhöhte Vitamin D-Spiegel führen zu einer Abnahme von Bluthochdruck. Denn im Blutgefäßsystem „verbessert Vitamin D die Endothelzellfunktion und die Elastizität der Gefäße“, weiß Prof. Loew.

 

Biofaktoren im Knochenstoffwechsel

Der Knochenstoffwechsel des alternden Menschen ist auf eine Vielzahl an Biofaktoren angewiesen. So spielen Magnesium, Calcium, Vitamin K, Vitamin D und Fluorid bei der Knochenmineralisation eine Rolle. Magnesium beeinflusst außerdem den Spiegel an Parathormon, das die Mobilisation von Calcium reguliert. Vitamin K erhöht zusätzlich das aktive Osteocalcin, das Calcium im Knochen bindet. Zink, Mangan und Kupfer unterstützen die Proteinsynthese der organischen Knochenmatrix, die 1/3 der Knochensubstanz ausmacht. Nach den Erfahrungen von Prof. Hilmar Stracke, Internist und Stoffwechselexperte am Universitätsklinikum Gießen und Marburg, haben Osteoporosepatienten jedoch häufig einen Magnesiummangel. Studien dazu zeigen, dass eine bessere Versorgung mit Magnesium zu einer höheren Knochendichte und zu einem niedrigeren Frakturrisiko führe. Eine ebensolche Korrelation bestehe für Vitamin K. „Ältere Menschen, beginnend mit über 51 Jahren, haben zunehmend häufig einen Mangel an Calcium, Magnesium, Vitamin D und Vitamin K. Durch ein Kombinationspräparat kann man diese Mangelzustände behandeln und das prospektive Frakturrisiko senken“, so das Fazit von Prof. Stracke

 

Und die geistige Fitness?

„Die Bedeutung von Vitamin B12 für die geistige Leistungsfähigkeit wird unterschätzt“, bedauert Prof. Joachim Schmidt aus Dresden. Neurologische und neuro-psychiatrische Störungen würden in der Praxis eher als unspezifisch wahrgenommen. „Keiner kommt auf Vitamin B12-Mangel“, so die Erfahrung des Pharmakologen. Aber Symptome wie Verwirrtheit, Gedächtnisstörungen, Depression oder Demenz würden auf die Spur helfen. Neuere Untersuchungen hätten gezeigt, dass es eine Korrelation zwischen dem Ausmaß von Hirnatrophie und dem Vitamin B12-Status gibt, berichtet Prof Schmidt.

 

Für die Generation fünfzig plus ist die ausreichende Versorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen entscheidend, leider aber nicht immer gewährleistet, so die übereinstimmende Meinung aller Experten. Vom 50. Lebensjahr an nehmen Mangelzustände eher zu, nicht zuletzt durch Aufnahmestörungen oder Wechselwirkungen mit Arzneimitteln. Schließlich sollte die Risikogruppe „Ältere“ durch gezielte Substitution versorgt werden, um Stoffwechselprozesse zu unterstützen und alterstypische Erkrankungen zu verhindern, so das Fazit der Wissenschaftler der Gesellschaft für Biofaktoren, denn: „ Wir alle wollen gesund und geistig fit ein möglichst hohes Alter erreichen“.

 

Dr. Christine Reinecke

Sonderbericht zum Symposium der Gesellschaft für Biofaktoren am 10.11.2012 in Frankfurt am Main zum Thema „Biofaktoren im Alter“