Diabetes mellitus und metabolisches Syndrom

Prävention und Therapie mit Biofaktoren


Wie Mikronährstoffe bei Stoffwechselstörungen vorbeugend und therapeutisch eingesetzt werden, diskutierten namhafte Experten im November bei einem Symposium der Gesellschaft für Biofaktoren in München.


„Der Mensch ist ein pleiotroper Organismus mit vielen Zielstrukturen - deshalb sind auch viele Biofaktoren nötig“, stellte Prof. Dieter Loew, Pharmakologie aus Wiesbaden, fest. So unterstützt Zink die Insulinwirkung und die Umwandlung von Proinsulin in wirksames Insulin. Nur mit Zink können Diabetiker die Wirkung des eigenen Insulins optimal nutzen. Chrom ist Bestandteil des Glucosetoleranzfaktors, der die Insulinwirkung erhöht und die Insulinempfindlichkeit verbessert. Weitere wichtige Biofaktoren für den Diabetiker sind Vitamin B1, Vitamin D und Magnesium.


Zusammenhang zwischen Diabetes und Morbus Alzheimer

Pathophysiologisch betrachtet, ist Diabetes ist eine Glucose-Verwertungsstörung mit Insulinresistenz, erläuterte Prof. Joachim Schmidt aus Dresden. Ähnliche Prozesse laufen auch bei M. Alzheimer ab. Die Zusammenhänge werden dadurch erkennbar, dass Störungen der Glucoseverwertung vor allem in den Gehirnregionen nachweisbar sind, die später die typischen histopathologischen Veränderungen zeigen. Bemerkenswert sei, dass epidemiologisch Studien ein um 45% erhöhtes Demenzrisiko bei Typ 2- Diabetikern nachwiesen. Das Demenzrisiko steigt generell mit zunehmendem Alter, aber auch bei genetischer Veranlagung, Diabetes, metabolischem Syndrom, oxidativem Stress, chronischer Entzündung und geistiger Unterforderung.

Neben der Glucoseverwertungsstörung tritt bei Morbus Alzheimer auch ein Mangel an Vitamin B1 auf. Thiaminabhängige Enzyme werden in ihrer Aktivität gedrosselt, was sich auch auf den Glucosestoffwechsel auswirkt. Substituiert man Thiamin, kann auch die Glucoseverwertung des Gehirns stark verbessert werden. Da die Vitamin B1-Aufnahme einer Sättigungskinetik folge, sei die besser bioverfügbare Thiamin-Vorstufe Benfotiamin besonders interessant, ergänzte Prof. Schmidt. „Vitamin B1, speziell Benfotiamin, ist eine unterstützende Option in der Prävention und Behandlung von Diabetes mellitus und von Morbus Alzheimer“.


Vitamin D-Mangel und diabetische Folgeerkrankungen

5% Neuerkrankungen weltweit pro Jahr und die höchste Diabetes-Prävalenz in Deutschland, diese Zahlen der Internationalen Diabetes Föderation würden die Problematik verdeutlichen, erklärte Uwe Gröber, Apotheker und Leiter der Akademie für Mikronährstoffmedizin in Essen. Kritisch für die 8 Millionen Diabetiker in Deutschland sind die Angiopathien, wie z.B. die Retinopathie, für die Vitamin D- Mangel ein unabhängiger Risikofaktor ist. Der Mangel wirkt sich gezielt auf die Mitochondrien aus, die übermäßig viele freie Radikale produzieren. Diese blockieren das Schlüsselenzym der Glykolyse, so dass der weitere Abbau über Nebenwege und toxische Zwischenprodukte verläuft. Folgeschäden an Nerven, Nieren und Augen treten auf.

Epidemiologische Studien zeigten, dass das Risiko für Typ 1- Diabetes im Laufe der folgenden 30 Jahre um 80% verringert werden konnte, wenn man Kleinkinder mit 2.000 I.E. Vitamin D supplementierte, fuhr der Mikronährstoffspezialist fort. Bereits die epigenetische Prägung des Feten wirke sich auf das spätere Diabetesrisiko aus, so dass es auch auf die ausreichende Versorgung der Schwangeren mit Vitamin D ankomme.


Flexible Dosierung in der Diabetologie

Ein positiver Effekt auf die Einstellung des Diabetikers in Bezug auf die Glucosetoleranz wurde in Interventionsstudien festgestellt. Aktuelle Ergebnisse zeigten, dass nach der Gabe von 50.000 I.E. Vitamin D pro Woche die Insulinresistenz abnahm, die Glucosetoleranz anstieg und sich der HOMAR-IR-Index verringerte, der Maß für die Insulinresistenz ist.

Bei der Substitution gehe man davon aus, dass 40 I.E. Vitamin D den Blutspiegel um 1nmol/l erhöhen, so Uwe Gröber. Gemäß einer Formel zieht man den hormonellen Wert des Patienten vom erwünschten Zielwert ab, multipliziert mit dem Faktor 40 und multipliziert dann mit dem Körpergewicht in Kilogramm. Initial wird hochdosiert über 7 Tage supplementiert, im Anschluss physiologisch mit ca. 50 I.E. pro kg KG, also mit 2.000 - 3.000 I.E pro Tag. Vor der Substitution sollte der Vitamin D- Status gemessen werden, 8 Wochen nach der Behandlung erneut.

Blutspiegel von 80- 160 nmol/l (32- 64 ng/ml) repräsentieren eine gute Versorgung mit Vitamin D. Einen Mangel deuten Wirkspiegel von unter 80 nmol/l Vitamin D (< 32 ng/ml) an. In Bezug auf die Knochengesundheit hätte man es „bei einem Vitamin D-Spiegel von < 30 nmol/l mit einem alten Knochen zu tun“, meinte Uwe Gröber scherzhaft. Die Bruchmechanik sei stark verändert und das weiche Knochengewebe, das Osteoid, nehme zu.


Juveniler Magnesiummangel mündet in Diabetes

Wie Prof. Klaus Kisters, Chefarzt der Inneren Medizin am St. Anna Hospital in Herne feststellte, ist Magnesium besonders wichtig bei Diabetes, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. So sei der metabolische Symptomenkomplex häufig mit niedrigen Serummagnesiumspiegeln verbunden. Dagegen senke ein intakter Magnesium-Haushalt signifikant das Auftreten von Diabetes, darauf weise die Leitlinie der Gesellschaft für Magnesiumforschung zur Diabetes-Prävention hin.

Von 38 Patienten mit starkem Magnesiummangel wiesen 85% eine Hypertonie auf, 60% erhöhten Pulsdruck und 76,3 % Fettstoffwechselstörungen - deutlich höhere Zahlen als in vergleichbaren Alterskollektiven, gab Prof. Kisters zu bedenken. 16% der Befragten hatten einen Schlaganfall durchgemacht und 5% einen Herzinfarkt. „Magnesiummangel macht herzkrank, hirnkrank und fördert eine Arteriosklerose“, resümierte Prof. Kisters Er empfahl, bei einem Mangel organische Magnesiumverbindungen einzusetzen, die besser bioverfügbar und verträglich seien. Wichtig sei die frühzeitige Behandlung, denn „Magnesiummangelpatienten in jungen Jahren sind die Diabetiker von morgen“.


Benfotiamin: Früher Einsatz – besserer Gefäßschutz

„Ein bisschen Zucker“ gebe es nicht, stellte Dr. Alin Stirban, Diabetologe aus Neuss, klar. Da der Körper ein metabolisches Gedächtnis habe, sei die frühzeitige und kontrollierte Einstellung des Diabetes sehr wichtig. Das könne im Hinblick auf die Spätkomplikationen noch 20 Jahre später vorteilhaft sein.

Dass der Stoffwechsel gestört ist, kann man auch an der endothelialen Dysfunktion erkennen, die ein frühes, reversibles Stadium der Arteriosklerose ist. Eine Mahlzeit wirke sich bei Patienten mit Typ-2 Diabetes bis zu 6 Stunden lang auf die Endothelfunktion aus. Wie Studien an der Diabetesklinik Bad Oeynhausen zeigten, wird die postprandial stark beeinträchtigte Endothelfunktion durch hoch dosiertes Benfotiamin deutlich reduziert, erklärte der Diabetesfachmann.

Benfotiamin wirkt nicht nur gefäßschützend, sondern reduzierte auch den neuropathischen Schmerz und verbesserte den Neuropathiescore, das zeigte eine dreiwöchige Studie mit 400 mg Benfotiamin pro Tag. In Kombination mit Vitamin B6 und Vitamin B12 verbesserte Benfotiamin auch die Nervenleitgeschwindigkeit am Nervus peroneus, die unter anderem Resultat des diabetesbedingten Thiaminmangels sein kann, so der Diabetologe. Eine Substitution mit Benfotiamin gleiche den Thiaminmangel aus und blockiere gleichzeitig die toxischen Stoffwechselwege.

Nach seinen Erfahrungen scheinen die protektiven Effekte von Benfotiamin umso ausgeprägter zu sein, je „gesünder“ die Gefäße sind. Diabetische Komplikationen entwickeln sich über viele Jahre, deshalb sei ein früher Behandlungsbeginn sinnvoll.

Wie Studiendaten zeigten, wird die diabetische Polyneuropathie mit 600 mg Benfotiamin in den ersten sechs Wochen behandelt, dann langfristig mit 300 mg pro Tag. „In schweren Fällen kann Benfotiamin mit Alpha-Liponsäure kombiniert werden, denn beide Biofaktoren ergänzen sich“, betonte Prof. Hilmar Stracke, stellvertretender Direktor am Universitätsklinikum Gießen und Marburg.


Ernährung und Substitution

„Fakt ist, dass Diabetiker einen Mehrbedarf an einzelnen Vitaminen und Mineralstoffen haben, der mit der Ernährung schwer oder gar nicht zu decken ist“,

mahnte Prof. Joachim Schmidt, Pharmakologe aus Dresden. Gerade die Mikronährstoffe seien nötig, die im Glucose-Stoffwechsel eine besondere Rolle spielen.

Doch Untersuchungen zeigen, dass von 1.000 Diabetikern nur 41,2% täglich Gemüse verzehrte, rund die Hälfte griff jeden Tag in den Obstkorb. Dass die empfohlenen 5 Portionen Obst und Gemüse von wesentlich weniger Betroffenen aufgenommen werden, wiesen Forscher der Universität Bonn nach: 15,1% der Diabetiker verzehrten häufiger als 1-mal pro Tag Obst und nur 3,7% aßen häufiger als 1- mal täglich Gemüse. Eine diabetestypische Mangelsituation könne daher nur durch eine deutlich über den Zufuhrempfehlungen liegende Ernährung ausgeglichen werden, oder durch gezielte Substitution, fasste Prof. Schmidt zusammen.

Letztendlich wirkt sich Biofaktoren- Mangel auf die Gefäßfunktion aus, fördert die Progression des Prädiabetes zum manifesten Krankheitsbild und ist an der Ausbildung von Komplikationen beteiligt. Deshalb sei die frühzeitige und gezielte Substitution mit Biofaktoren bei Diabetikern und Patienten mit metabolischem Syndrom der richtige Weg, resümierten die Experten der Gesellschaft für Biofaktoren.


Dr. Christine Reinecke

Weitere Informationen

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