Arzneien aus verschiedenen Blickwinkeln
Thuya occidentalis

Thuya ist nicht nur ein zentrales Polychrest, es ist ein zentrales Beispiel an dem man viel Theorie in der Homöopathie erklären kann. Es stellt sich doch
immer die Frage, wieso gerade die uns bekannten
Arzneien von Hahnemann verwendet wurden.

 

Ein großer Teil waren damals gängige konventionelle Arzneien (Mercurius, Sulfur, Petroleum …). Hahnemann hat sehr gut ihre Wirkungen und Nebenwirkungen gekannt. Heute würde er Methotrexat nicht nur bei Rheuma (aber dem ähnlichsten, damit es nicht unterdrückt), sondern auch bei Bronchiolitis (Unerwünschte Arzneiwirkung = UAW) berücksichtigen, Penicillin
nicht nur bei Infektionen, sondern vor allem bei Durchfällen oder Vaginalmykose anwenden und Aspirin außer bei grippalen Infekten bei Asthma und bei Blutungen. Wir sollten heute mehr aus unserem Fundus an Nebenwirkungswissen schöpfen.

Doch dann gibt es Arzneien wie Sepia und Thuya. Von letzterem schreibt Hahnemann in der Reinen Arzneimittellehre, dass diese Pflanze bisher nicht, oder wenn, dann eher theoretisch arzneilich verwendet worden war. Vermeulen beschreibt(1), dass laut Erzählung von Farrington ein Priester mit Gonorrhösymptomen zu Hahnemann kam, seine Unschuld beteuernd. Damals glaubte man den Priestern noch und Hahnemann erforschte, was er so in letzter Zeit getan hätte. So kam heraus, dass er – wohl im Kreuzgang, wo diese Bäume gerne gepflanzt werden – beim Bibelstudium an Thujenzweigen kaute. So kam Hahnemann auf die Idee Thuya zu prüfen (an elf Probanden). Hier zeigten sich zahlreiche Schmerzen an den
Geschlechtsteilen und Harnwegsinfekte bis zum blutigen Harnabgang. Auch wenn kein Eiter aus der Harnröhre kam und keine Kondylome entstanden, so wurde es Hahnemanns wichtigste Arznei gegen diese zwei Erkrankungsbilder.

 

„Idiosynkrasie“
Hahnemann beobachtet das, was er als Idiosynkrasie bezeichnet: eine Überempfindlichkeit gegen eine Substanz, die dann bei weiterer Prüfung an Gesunden auch diese Symptome zeigt, die sich zum Arzneimittelbild verdichten. Sollte der Priester regelmäßig die Thujen gegessen haben (andere Version der
Geschichte), dann handelt es sich um eine uneigentliche Krankheit, die durch falsche Verhaltensweisen hervorgerufen wird und durch Beenden derselben verschwindet. Da es sich hier um eine arzneiliche Substanz
handelt, ist es allerdings schon eher eine Kunstkrankheit, die durch Unterdrückung oder Vergiftung hervorgerufen wird und dann sehr schwer, wenn überhaupt, geheilt werden kann. Homöopathie ist eine
fein dosierte, bewusste Kunstkrankheit, um damit die ähnliche natürliche Krankheit zu besiegen.
Obwohl Prüfungssymptome, von denen es reichlich bei Thuya gibt, das Zuverlässigste zur Arzneifindung sind, sieht man gerade bei Thuya eine gewisse Spezifität bei Kondylomen und Gonorrhö, die beide so nicht in der eigentlichen Prüfung aufgetreten sind. Das verwendet Hahnemann auch, wie er in der Reinen Arzneimittellehre schreibt.

 

Medizinische Eigenschaften
Die Thuja stammt aus dem Osten Nordamerikas, war einer der ersten Bäume, die nach Europa eingeführt wurden. Die amerikanischen Ureinwohner und die frühen europäischen Siedler verwendeten die Blätter gegen Skorbut, da sie reich an Vitamin C sind (2). Die homöopathische Erklärung dazu sind die zahlreichen Zahnfleischsymptome in der Arzneiprüfung, die eine Ähnlichkeitsbeziehung zu Skorbut darstellen – so konvergieren die unterschiedlichen Erklärungen zum gleichen Ergebnis. Vielleicht hat der Priester also doch aus therapeutischen Überlegungen daran gekaut. Die Inhaltsstoffe haben außer toxischen auch stark antibakterielle, antivirale, antifungale und antitumoröse Wirkungen. Thuya soll sich vom Griechischen für duftendes Harz oder Opfergabe ableiten und aus dem 17. Jahrhundert stammen, da das Harz zum
Räuchern verwendet wurde. Der Name „Lebensbaum“ wird gerne für immergrüne Bäume verwendet und muss sich nicht nur auf seine medizinischen Eigenschaften beziehen. Als grüner Lebensbaum wird er gerne auf Friedhöfen gepflanzt.

 

Sykose
Thuya ist das Hauptmittel Hahnemanns für Sykose, ein Miasma, das durch die Ansteckung mit Tripper in die Welt kommt. Sykose hat zu tun mit einem Zuviel: Geschwüre die hinauswachsen, Steinbildungen (Lithämische Diathese nach Dorcsi), Warzen, aber auch zudecken, verschweigen, „begraben“ (passend zu Friedhöfen). Pocken sind gekennzeichnet durch derartige nach außen wachsende Papeln. So ist verständlich, dass Thuya das Hauptmittel bei Folgen von Impfungen gegen Pocken ist. Die Impfung gegen Kuhpocken ist zu Lebzeiten Hahnemanns eingeführt worden. Er war vorsichtig positiv, befürchtete aber Probleme, da es sich hier um eine Isopathie handelt, nicht um Homöopathie. Burnett beobachtete später, dass nicht die Sykose die Grundlage für Unverträglichkeit der Pockenimpfung ist, sondern die Impfung die Sykose verbreitet und somit einen ähnlichen Effekt wie die Tripper-Ansteckung hat, die dann die Sykose auch über Generationen weitergeben
kann. Er prägte den Begriff der Impfsykose. Es gibt auch Impfungen mit nicht sykotischen Krankheiten, wo eine andere Arznei besser wirken könnte.

Warzen sind gerade ein Thema bei den Papillom-Impfungen. Eine Kollegin ließ sich impfen und zeigte mir dann ihren papulösen Hautausschlag, den ich sehr passend zur sykotischen Natur der Impfung fand. Sie konnte meine Begeisterung nur schwer teilen … Hier hat sich also die Lücke nach Auslaufen der Pockenimpfung wieder zur neuen Impfsykose geschlossen. Allerdings ist auch die fast durchgehende
Infektion mit Papilloma-Viren ebenso eine sykotische Ansteckung. Während ich nach Warzenentfernung nie wirkliche Katastrophen erlebt habe, mit einer fraglichen Ausnahme, ist mir ein Patient in Erinnerung, den ich wegen eines Nasennebenhöhlenkarzinoms im Spital sah. Ihm waren, wie ich nachfragen konnte, Kondylome
am Anus zuvor entfernt worden. Was diese Unterdrückungsüberlegung stützt? Die meisten Nasopharynxkarzinome (wenn nicht von Buchenholzstaub ausgelöst) zeigen Papillomviren in ihren Zellen. Nach der Hering‘schen Regel eine Verschiebung von unten nach oben, mit zwei Tumoren, gleichen Viren, schwererer Pathologie.

 

Kasuistiken
Ein neun Monate altes Kind hatte bereits mit sieben und elf Wochen Asthma, das sich nach Impfung und anschließend vier Tagen Fieber verschlechterte. Eine Mittelohrentzündung wurde mit Antibiotikum behandelt und führte wieder zu Asthma. Die von mir verschriebene Arznei Thuya C 200 bekam das Kind von den Eltern erst bei einer neuerlichen akuten Exazerbation. Es blieb seitdem auf Nachfrage nach zwei und fünf Monaten
und zwei Jahren völlig beschwerdefrei.

 

Anmerkung des Autors: Das Impfen gilt sicher als eine unbestrittene präventive Maßnahme. Zwischen zeitlichem und kausalem Zusammenhang zu einer der zahlreichen Impfungen in frühester Kindheit zu unterscheiden ist schwierig. Die Tatsache, dass Impffolgen aufgedeckt und behandelt werden, macht niemanden automatisch zu einem Impfgegner. Man darf aber Nebenwirkungen, auch wenn sie beim Impfen selten sind, nicht leugnen. Wichtig ist, dass Homöopathie nicht mit Impfkritik vermischt wird, nur weil wir eine Therapieoption bei seltenen Nebenwirkungen und Reaktionen besitzen. Also: kritisch zu sein und zu hinterfragen, Studien zu lesen und diese auch zu hinterfragen, ist die Pflicht eines jeden Therapeuten.

 

Ein Einjähriger kam im Krankenhausdienst am Samstag zur Begutachtung: Er hat, wie schon sein Bruder, Stunden nach einer Sechsfach-Impfung zu schielen begonnen. Da das beim Bruder nach drei Tagen wieder verschwunden war, machten sich die Eltern keine Sorgen, bis er nach fünf Tagen verfiel und nicht mehr ansprechbar war. Ich sah beidseitige Abduzens-Paresen, keine Reaktion auf Licht und Geräusche, kein optokinetischer Nystagmus auslösbar, das Kind hing über der Schulter des Vaters. MRT unauffällig. Fünf vor zwölf konnte der Vater noch von einer gut ausgestatteten Apotheke Silicea und Thuya in C 200 besorgen und beides wurde im Spital von der Kinderabteilung vorbildlich in Wasser aufgelöst und stündlich im Wechsel gegeben. Das Kind erholte sich zusehends, am Montag wurde schon die Parese bezweifelt und am Mittwoch gingen die Eltern auf Revers mit einem wieder lachenden Kind heim.

 

Welche Symptome nimmt man aus der Vielzahl?
• Verschlossen, versteckt sich, Fassade
• Warzen, Feigwarzen
• Ausfluss und Beschwerden des Unterbauchs

• Verschlechterung bei feuchtkaltem Wetter (in Amerika wachsen sie in Sümpfen)
• Beschwerden nach Impfungen
• Gefühl zerbrechlich zu sein, wie aus Glas,
• Wie etwas Lebendiges im Abdomen
• Kopfschmerzen wie von einem Nagel
• Schwindel beim Schließen der Augen – das ist eher typisch bei Schwindel, denn die Augen unterdrücken mit
ihrem stabilen Bild (Horizont) den Schwindelreiz.
• Frostig
• Fixe Ideen über kleine körperliche Fehler – ideal für die Schönheitschirurgie und Kosmetikindustrie (zudecken)
• Fühlt sich ungeliebt.

 

Dr. Christoph Abermann erzählte kürzlich von einem rezidivierenden Bindehaut-Papillom am Oberlid, das nach
Thuya innerhalb von zwei bis drei Tagen verschwand – ein Spezifikum für Thuya. Man sollte sich aber immer vor Augen führen, dass nicht alle Warzen die klassisch sykotischen Arzneien brauchen! So sah ich Handflächenwarzen auf Sulfur dahinschwinden.

 

Einst kam ein Kind zur operativen Entfernung von Gesicht und Nagelrandwarzen. Ich brachte die Mutter nicht
mehr von der OP in Narkose ab, da sie schon Thuya, Nit ac, und andere Arzneien bekommen hatte. Das Kind und seine flachen hornigen Warzen waren aber typisch Calcium carbonicum. Sie akzeptierte, dass ich es dem Kind nach der OP geben durfte: Nach erfolgreicher OP kamen nach einem Monat einige Warzen für kurze Zeit wieder und verschwanden dann ganz – Homöopathen-Gewissen beruhigt …

 

Auf das Gefühl, der Körper sei aus Glas, wird man lange warten – ich hatte eine Patientin, der ich die Arznei im
Laufe der Behandlung gab, weil das Kreuzbein wie aus Glas war – war allerdings nur eine Simile-Verschreibung.

 

Erkenntnisse der modernen „Empfindungs-“ und „Pflanzentheorie“ zu Thuya
Nun kommen wir zum Thema Spaltung: Der Stamm des Baumes wächst in zwei bis drei Stämmen aus der Erde, die Blätter spalten sich mehrfach auf: So ist auch der Harnstrahl gespalten (Das kann normal sein, kann aber auch auf eine Striktur nach Gonorrhö hindeuten). Auch die Haare spalten sich, die Nägel weichen sich auf, werden dick, spalten sich. In der Empfindungsmethode ist das Thema der Spaltung die zentrale Empfindung der Koniferen: Brüchig, Fragil, zerbröseln, abgeschnitten. Alt, schwach…Und Thuya steht –
wenig überraschend – im sykotischen Miasma (Sabina im Krebs Miasma, Ginkgo im Lepra Miasma – wenn die Demenz jemanden ins Altersheim abgesondert hat…).

 

Bei Jan Scholten („Pflanzentheorie“) hat Thuya die (botanisch angelehnte) Ordnungszahl 3.555.15.11.
Was heißt das?
Es ist die Silberserie dominant, allerdings nicht in ihrer kreativen Seite, die erst durch die Lanthanidenqualität
bei den Gymnospermen (Koniferen = Angiospermen, Nacktsamer) auftaucht. Es ist der Aspekt des Vermittlers: des Regierungssprechers oder des Priesters. Eine hübsche Definition des Regierungssprechers: Er ist wie unser Bewusstsein: Es verkündet die Entscheidungen an deren Zustandekommen es in Wirklichkeit nicht beteiligt war (sondern das Unterbewusste). So ist das Thema der Koniferen: Sie verkünden strenge moralische Regeln oder die Entscheidung eines Königs, ohne das innere Verständnis für diese Entscheidungen aufzubringen (das wird erst mit der Lanthanidenqualität möglich). Bei Thuya zeigt sich unter .1/5. der kindlich naive, abhängige Affekt und mit 5 das Überschießende, Genießerische. Sie sind im Stadium 11, wollen das Leben, das Erreichte genießen, sind aber daran durch ihre eigene Moral und Rigidität gehindert.

 

Literatur
1) Vermeulen: Homöopathische Substanzen: vom Element zum Arzneimittelbild, Sonntagverlag
2) Vermeulen: Synoptic Reference 1 Archibel Verlag
Der Artikel wurde in modifizierter Form in der Zeitschrift Homöopathie in Österreich publiziert.
www.homoeopathie.at/publikationen/hioe
Dr. med. Jörg Hildebrandt
Oberarzt im LK St. Pölten, Österreich

PM 9-2019