Akutfälle in der Gynäkologie
Ein Fall für die Polaritätsanalyse

Die von Heiner Frei entwickelte Polaritätsanalyse, basiert auf Bönninghausens Therapeutischem Taschenbuch und dessen Hauptaugenmerk auf Modalitäten zur Arzneibestimmung. Sie eignet sich hervorragend für die homöopathische Akutpraxis. Anhand dreier Kasuistiken aus dem Bereich Gynäkologie möchte ich diese Arbeitsweise illustrieren.

 

Die Polaritätsanalyse eignet sich bei Vorhandensein von Modalitäten zur Behandlung akuter Fälle in der Frauenheilkunde. Die wichtigsten Eckpunkte dazu sind:
• Vorbereitung und Lenkung der Patientenbeobachtung mittels Fragebogen
• Fast ausschließliche Verwendung von Modalitäten unter Berücksichtigung der jeweiligen Gegenpole (z. B. Beschwerden durch Bewegung bedeutet Ausschluss der Arzneien mit einem Charakteristikum durch Bewegung)
• Verwendung des Online-Programmes Polaritätsanalyse von Heiner Frei (www.polarity-analysis.com)

 

Fall 1
Eine 34-jährige Frau kommt elf Tage nach Entbindung verzweifelt in die Praxis. Seit einer traumatischen Vakuumextraktion mit starkem Blutverlust (Hb 7) hat sie nun eine Blasenentleerungsstörung. Sie wurde katheterisiert, da die Blase auf mehr als 800 ml Füllung vergrößert im Ultraschall imponierte. Im Krankenhaus wurde ihr dringend nahegelegt, nach Entfernung des Dauerkatheters zur Restharnvermeidung das Eigenkatheterisieren zu erlernen und sie hat dazu in drei Tagen nach unserem Gespräch einen Termin in der
Ambulanz.

Die Patientin ist völlig aufgelöst und hätte sich die Geburt und alles danach ganz anders vorgestellt. Sie ist im ganzen Becken völlig verkrampft und wirkt schwer traumatisiert. Sie sagt, dass sie die Entbindung sehr gewaltsam erlebt hat und nach deren Vollendung sogar die Ärztin weinte. Außerdem fühlt sie sich schuldig, dass sie zu wenig mitgearbeitet hätte und ihrem Mann nicht eine Geburt bieten konnte, wie sie sein sollte.

 

Blase: unwillkürlicher Harnverlust im Liegen. Der gewollte Harnabgang gelang nur tröpfelnd und nur wenn sie ganz aufrecht saß. Sie hatte trotz großem Bauch keine Schmerzen, konnte aber nicht sitzen. Im Liegen war es besser. Beim Aufstehen vom Liegen oder Sitzen war es schlimmer, ebenso bei Berührung und sie konnte sich selbst nicht mehr angreifen.
Seit einer Woche hat sie eine stechende Hämorrhoide beim Sitzen. Jede körperliche Anstrengung war sehr belastend für sie. Sie bittet mich nun inständig, ihr das Selbstkathetern zu ersparen.

Fall 1
Fall 1

Materia medica Vergleich zu Aconitum napellus
Herings Condensed Materia Medica: Das Harnen ist schmerzhaft, schwierig, tropfenweise. Harnverhaltung oder Unterdrückung mit Druck in der Blase. Entzündete Hämorrhoidalknoten, Stechen
und Druck im Anus. Phatak Hom. Arzneimittellehre: Schlimmer durch heftige Emotionen: Schreck, Schock. Furcht begleitet die meisten Beschwerden.

→ Acon. M (Homeoden-Heel) als Einmalgabe.
Wir besprechen, dem Selbstkathetern keinesfalls zuzustimmen aufgrund der hochgradigen Traumatisierung der Region.
Follow-up nach sechs Tagen: Nach Dauerkatheterentfernung konnte sie gleich harnen, hatte nur einmal minimal Restharn am Tag nach Entfernung, hat seither regelmäßiges, problemloses Harnlassen und ist sehr glücklich, der Selbstkatheterisierung entgangen zu sein. Es treten keine weiteren Miktionsstörungen auf.

 

Fall 2
Eine junge Frau im ersten Trimenon kommt wegen anhaltender Übelkeit und totaler Schwäche zur Behandlung. Jede körperliche Anstrengung macht sie völlig fertig. Die Übelkeit ist im Liegen auf der rechten Seite, nach dem Essen und beim Gehen im Freien. Was sie nicht so aushält, ist sitzen und eventuell die
Rückenlage. Ihr Geruchssinn ist derzeit sehr empfindlich. Der Appetit ist so gut wie verschwunden.

 

Materia medica Vergleich zu Aconitum napellus
Herings Condensed Materia Medica: Geruch überaus empfindlich, Übelkeit im Ösophagus oder Magen
Der neue Clarke Band 1: Große Mattigkeit, Müdigkeit und ungemeines Sinken der Kräfte.
→ Acon. (Remedia) C200 als Einmalgabe
Drei Wochen später folgt eine E-Mail: … Ein paar Tage nach Ihrer Hochpotenz hat sich mein Zustand der Übelkeit, schuppiges Haar und Kraftlosigkeit verflüchtigt. Ich möchte mich vielmals bei Ihnen bedanken, denn Sie haben mit dem Mittel offensichtlich ins Schwarze getroffen …

Fall 2
Fall 2

Fall 3
Eine 31-jährige Patientin, die ich schon lange betreue – damals wegen eines PCO mit unerfülltem Kinderwunsch und nun, nach Sepia, mit dreijähriger Tochter und lange beschwerdefreiem Zyklus – kommt mit neu aufgetretenen, sehr schlimmen Regelschmerzen. Diese bessern sich sowohl beim Liegen auf der Seite mit angezogenen Beinen als auch bei langsamem Gehen. Schlimmer ist es, nach vorne gebeugt zu sitzen. Sie hat das Gefühl, es drängt alles nach unten. Der Bauch ist dabei stark aufgebläht mit einem Gefühl von Atemnot. Dieses wird durch tiefes Einatmen besser. Begleitet wird alles von starkem Schwindel und etwas Unruhe. Sie muss jede körperliche Anstrengung in diesem Zustand vermeiden.

Fall 3
Fall 3

Materia medica Vergleich zu Cinchona officinalis
Herings Condensed Materia Medica: schmerzhaftes Herunterziehen zur Vulva und zum Anus. Menses mit Krämpfen in Brust und Leib. Abdomen: Die Kolik bessert sich beim Zusammenkrümmen. Der Bauch ist aufgetrieben. Brustbeklemmung wie von vollem Magens. Schwindel nach Säfteverlust. Phatak Hom. Arzneimittellehre: Die Schwäche von China lässt sich auf Säfteverlust zurückführen. Menstruation mit Bauchauftreibung.
→ Chin. C200 (Homeoden-Heel)
Follow-up nach 24 Stunden: Es geht deutlich besser. Die Schmerzen gingen gestern noch völlig weg und auch
die Erschöpfung. Keine Atemnot und Schwindel mehr spürbar. Jetzt beginnen wieder die Krämpfe etwas. Nach einer weiteren Einnahme von China C200 waren die Krämpfe erneut verschwunden. Die nächste Menses war mit den Beschwerden deutlich milder. China war längere Zeit immer wieder das Mittel der Wahl, um die Regelbeschwerden gut zu beherrschen.
Die Polaritätsanalyse als Weiterentwicklung der Arbeit mit Bönninghausens Therapeutischem Taschenbuch ist eine urhomöopathische und hocheffiziente Methode in der Praxis, die mit absolut verlässlicher Quellenlage erfolgreiches Arbeiten ermöglicht. Ich möchte diese neben dem Symptomenlexikon nicht mehr missen.

 

Der Artikel wurde in modifizierter Form in der Zeitschrift Aude sapere publiziert
(www.homoeopathie.at/publikationen/hioe).
Dr. Guntmar Schipflinger
Homöopathische und psychotherapeutische Praxis in Linz-Leonding
www.drschipflinger.at, praxis@drschipflinger.at

PM 6-19