Hirundo rustica
Nirgendwo zu Hause und dann eingesperrt

 

Ziel der Behandlung ist die Heilung einer schmerzhafte Frozen Shoulder
mittels der Empfindungsmethode bei Anwendung der Arznei Rauchschwalbe – Hirundo rustica. Nach Erstreaktion erfolgt eine rasche Schmerzlinderung und starke Besserung im seelischen Bereich. Eine Beachtung der Ausdrucksweise der Patienten kann zum Simile führen, wie in diesem Beispiel zur Heilung von Schulterschmerzen.

 

Anamnese
Die 38-jährige Patientin hat seit Jahren Beschwerden der rechten Schulter mit Nachtschmerz, Bewegungseinschränkung, Verspannungen und Schmerzen im Nackenbereich; 2014 OP der Halswirbelsäule (HWS) mit Verplattung wegen eines Discus prolaps C5-C6; Dezember 2018 OP der rechten Schulter (Arthroskopische Bursektomie subacromial, Naht der Supraspinatussehne und Dekompression).

 

Sie hatte bereits im Zuge der Behandlung von Kollegen in den letzten Jahren Rhus toxicodendron sowie Ruta in verschiedenen Potenzen bekommen. Diese Präparate führten zwar kurzfristig zu einer Linderung, zeigten aber keine anhaltende Besserung.

 

Nach ihrer Schulter-OP Anfang Dezember 2018 bittet sie mich um Hilfe, da trotz Physiotherapie und Training der Heilungsprozess nur sehr schleppend voran geht. Nachdem ihr Operateur die Diagnose einer Frozen-Shoulder in den Raum stellt, eine seltene, aber doch mögliche Komplikation der OP, ist sie am Boden zerstört. Sie absolviert gerade neben ihrem Beruf als Sozialpädagogin in einer Kinderund Jugendpsychiatrie und der Betreuung ihrer zwei Kinder, eine Ausbildung zur Heilmasseurin und Körpertherapeutin. Mit der Arbeit als Körpertherapeutin hat sie nach Jahren – wie sie es selbst beschreibt „ihre Berufung“ gefunden.

 

All das sieht sie jetzt durch die Beschwerden in ihrer Schulter gefährdet. Außerdem bietet ihr diese zusätzliche
Ausbildung die Chance auf finanzielle Unabhängigkeit von ihrem Mann, sodass sie sich frei entscheiden könnte, sich zu trennen oder nicht.

 

Auf die Frage, wann ihre Beschwerden begonnen haben, erzählt sie, dass sie bis zur Schwangerschaft mir ihrem zweiten Sohn völlig gesund war. „Außer einem Schnupfen und ein bißl Halsweh hatte ich nie etwas“.
„Zu Beginn der zweiten Schwangerschaft beschlossen wir, ein Haus im Süden Wiens zu kaufen. Damit platzte mein Traum wieder nach Kärnten (ihre Heimat) zurückzukehren. Wir wollten immer nach Kärnten zurück, aber mit dem Haus war klar, dass wir hier bleiben werden/ müssen und es gab plötzlich die Option auf eine Heimkehr nicht mehr.“

 

Was machte das mit Dir? „Eine große Trauer. Es war ein Abschied von meiner Heimat und von meiner Familie. Für die Trauer war aber kein Platz, weil ich ja den zweijährigen Burschen zu betreuen hatte, der sehr aktiv war und auch die Baustelle hatte. Ich habe mich eingesperrt gefühlt in dieser Situation. Hab nicht nein gesagt. Ich habe die ganze Zeit damals nur funktioniert.
Die Geburt selber war normal. Sie wurde zwar eingeleitet, aber in vier Stunden war er dann da. Ich war total
erschöpft von der Zeit davor.

Dann, ein Monat nach der Geburt, haben die Panikattacken angefangen. Ich hatte extreme Schlafstörungen, war total erschöpft, antriebslos und müde. Dazwischen hatte ich immer wieder Episoden von Herzrasen und einem Beklemmungsgefühl in der Brust. Hochgradig aufgeregt und unruhig. Hab mich alleine nirgends
mehr hinzugehen getraut. Hatte das Gefühl, ich sterbe jetzt.
Angststörung mit einer Panik vor Krankheiten und massiver innerer Unruhe. Schnelles Gehen und Bewegung
hat es gebessert. Ich konnte meinen Alltag fast nicht bewältigen. Meine Mutter kam aus Kärnten und blieb vier Wochen, um mich zu unterstützen.
Etwa zur gleichen Zeit haben auch meine Probleme mit der Halswirbelsäule angefangen. Alle Symptome hatte ich ausschließlich rechts. Schwäche und Schmerzen im Arm, Taubheit der Finger. Es wurde ein MRT gemacht, weil der Verdacht auf MS bestand und ein Prolaps zwischen C5 und C6 diagnostiziert.
2013 – 2014 wurden die HWS-Beschwerden so schlimm, dass ich mich 2014 zu einer Operation entschloss.
Etwa drei Wochen nach der OP haben schleichend meine Schulter- und Nackenschmerzen angefangen. Es waren Schmerzen in der Nacht, eine Bewegungseinschränkung bei Armbewegungen nach oben. Die Schmerzen sind oft eingefahren wie ein Blitz. Das war meist ein stechender Schmerz. So als wenn dich jemand permanent zwicken würde."

 

<< am Morgen; Kälte, Wind. „Feuchtkaltes
Wetter ist immer schrecklich“.
>> Wärme; „Das bessert bei mir immer
alles. Ich hasse die Kälte.“

 

Ein Kontroll-MRT im Herbst 2018 zeigt ein Fortschreiten der Sehnenruptur, weiterhin das Impingement-Syndrom sowie eine massiv vernarbte Bursitis subacromialis. Daraufhin entschließt sie sich zu einer Schulter-OP (arthroskopische Bursektomie, Fixation der Supraspinatussehne), die Anfang Dezember 2018 durchgeführt wird. Der Heilungsprozess schreitet nach der Operation allerdings sehr schleppend voran,
wodurch sie zusätzlich psychisch sehr belastet wird.

 

Es fällt ihr auf, dass sie Schmerzen im Hals bekommt, wenn sie laut sprechen muss. „Ich kann nicht laut sprechen; wenn ich laut spreche, fange ich zu krächzen an“.

 

Appetit
„Ich esse wie ein Vogerl!“ Sie isst über den Tag verteilt immer, viele sehr kleine Portionen. Kann nicht viel auf einmal essen. „Esse und schnabuliere ständig; Nüsse oder andere Kleinigkeiten. Wenn wir essen gehen, würde ich mir am liebsten gar nicht selber etwas bestellen, sondern ich würde mir am liebsten von jedem
anderen Teller eine kleine Portion picken“.

Sie ist Vegetarierin, allerdings nicht, weil ihr Fleisch nicht schmeckt, sondern weil ihr die Tiere leid tun.

 

Haut
Im Alter von sieben Jahren schuppiges Ekzem am Hinterkopf, das nach einer Behandlung abgeheilt ist. Generell sehr trockene, juckende Haut, vor allem im Winter. Seit etwa zwei Jahren immer wieder Juckreiz am Hinterkopf. Extrem empfindlich auf der Haut. Schneidet bei jedem Kleidungsstück das Etikett ab, weil sie es nicht erträgt. „Mich reizt jede Kleinigkeit auf der Haut“.


>> Sommer, Sonne, Wärme; nachmittags ist sie weniger empfindlich.


„Wenn ich zuviel esse, halte ich Kleidung kaum aus; nicht nur um den Bauch, sondern überall!“

 

Träume
Flugträume; „Ich fliege von einem Felsen, einer Klippe oder einem Mauervorsprung weg. Träume eher immer
vom Flugstart“.
Träume von Situationen, in denen sie nicht weiterkommt. „Die einfachsten Dinge gehen nicht. Ich versuche eine Böschung, die gar nicht so steil ist, hinaufzugehen und rutsche immer wieder ab, so dass ich nicht hinaufkomme“.
Ansonsten alltägliche Situationen; Träume von Tieren, Menschen, viel Natur.

 

Ängste
Wasser! „Ich mag Wasser nur zum Trinken oder Duschen! Ich weiß nicht, was es ist, aber ich mag vom Wasser nicht umgeben sein“. Tretboot fahren, segeln, schwimmen mag sie gar nicht. „Ich würde nie in ein Gewässer reinköpfeln oder irgendwo hinausschwimmen“.
Ansonsten ist der Patientin Dunkelheit extrem unangenehm. Dunkelheit im eigenen Haus ist ihr gleichgültig,

im Freien allerdings fürchtet sie, es könnte sie jemand überfallen oder bedrohen.

 

Kindheit und Elternhaus
„Ich war nie irgendwo zu Hause!“ Als sie acht Monate alt ist, lässt sich ihre Mutter von ihrem Vater, der Alkoholiker ist, scheiden und zieht zu dem Bauernhof der Großmutter (Kärnten). Dort verlebt die Patientin eine sehr glückliche Zeit, geliebt und behütet vor allem von der Großmutter.
Als sie sechs Jahre alt ist zieht sie mit ihrer Mutter zu deren neuem Partner auf einen anderen Bauernhof: sehr traumatisches Ereignis. Sie hat den neuen Mann ihrer Mutter zuvor nur einmal gesehen und kommt zu einer völlig fremden Familie, von der sie auch schlecht behandelt wird. Vor allem von der „neuen“ Großmutter, die ihr ständig zu verstehen gibt, nicht willkommen zu sein.
Als die Patientin zehn Jahre alt ist, bekommt die Mutter schwere Migräne und depressive Zustände. In dieser Zeit kümmert sie sich sehr um die Mutter („Rollenumkehr“). Mit 14 Jahren kommt sie in ein Internat für Land- und Hauswirtschaft. Mit 19 zieht sie in eine Großstadt, um dort die PÄDAG zu absolvieren, gibt das aber nach einem Jahr auf. Sie geht nach Wien und absolviert eine Ausbildung zur MTA. Insgesamt zieht sie in Wien noch drei mal um bevor sie dann mit ihrem Mann nach Niederösterreich zieht.

 

Methode
Gewählte Arznei
HIRUNDO RUSTICA C200, 1 × 5 im Abstand von zwei Wochen für drei Gaben.

 

Begründung
Da viele der „klassischen“ Schulter- und Sehnenarzneien bei ihr offenbar nicht wirklich griffen, entschied ich mich, nach einer Arznei zu suchen, die ihrem Wesen und ihren Lebensthemen entspricht. Dieser Zugriff auf die Homöopathie (Scholten, Sankaran, Master, Joshi, Shore, …), der sich in den letzten Jahrzehnten immer
mehr auch hierzulande etabliert, ist mir mittlerweile durch eine intensive Beschäftigung sehr vertraut. Ich suchte also nach einem „roten Faden“ in der Anamnese.

 

Zunächst war abzuklären, aus welchem „Kingdom“ die Arznei stammen muss. Es finden sich in dieser Anamnese sehr viele tierische Aspekte. Sie fühlt sich sehr eingesperrt in ihrem Leben, in ihrer Ehe; sie ist Vegetarierin, weil sie Mitleid mit den Tieren empfindet und ihr Leid auch stark spürt, wie sie selbst sagt. Sie empfindet ein großes Bedürfnis nach Freiheit, kann diesem Bedürfnis allerdings nicht adäquat nachgehen, das erzeugt eine Ruhelosigkeit. Liebt die Natur; leidet darunter, nicht mehr auf dem Land am Bauernhof zu wohnen. Sie verwendet im Laufe der Anamnese immer wieder Formulierungen, die einen starken Bezug zu
Tieren aufweisen und dann auch immer mehr auf eine Vogelarznei hindeuten. Das Eingesperrte, die Flugträume, der große Freiheitsdrang, die Schulter- und Hautbeschwerden, Bewegungsdrang …

 

Nun stellte sich mir die Frage, welche Vogelarznei zu ihr passt? Sie ist eine sehr zart gebaute Person, 168 cm groß, in ihrer Zartheit aber auch sehr zäh und muskulös, obwohl sie nicht sehr viel Sport betreibt. Sie hat kohlschwarze, zu einem Pagenkopf geschnittene Haare und stechend dunkle Augen. Mit einem sehr klaren Blick. Sehr helle Haut, die aber nie blass oder leblos wirkt. Sie strahlt eine große Vitalität und viel Energie aus (Tierreich) und bezeichnet sich selbst als ausdauernd und wirkt auch so.

 

Ihr ständig wiederkehrendes Gefühl der Heimatlosigkeit, so wie die ständigen Ortswechsel in ihrer Biografie, lassen mich sofort an einen Zugvogel denken. Raubvögel schloss ich aufgrund der nicht vorhandenen aggressiven Komponente in der Anamnese aus; alle Seevögel kamen für mich aufgrund ihrer starken
Abneigung gegen Wasser nicht in Frage. Obwohl Möwen auch eine Abneigung gegen Wasser haben können.

 

Der erste Zugvogel, der mir bei ihr in den Sinn kam, war die Schwalbe. Nun konnte ich keine Prüfung von Hirundo finden. Allerdings fand ich sehr genaue Beschreibungen des Mauerseglers (Apus apus), der zwar nicht zur gleichen Familie wie die Schwalben gehört, allerdings in seinem Verhalten diesen sehr ähnlich
ist (siehe Spektrum 3/2010).
Hier finden sich alle ihre Schultersymptome, die Ruhelosigkeit, die Schlafstörungen und sehr viele andere Symptome, die mir die Schwalbe dann nur bestätigten. Ich entschied mich aufgrund ihres Aussehens für die Schwalbe und gegen den Mauersegler. Das im Vergleich zur Schwalbe „bullige“ Aussehen des Mauerseglers
passte für mich zu dieser Patientin nicht. Außerdem ordnen Bhawisha und Shachindra Joshi die Schwalbe im
Periodensystem der 3. Reihe (Siliciumserie), den Mauersegler aber der 5. Reihe (Silberserie) zu. Aufgrund der Themen der Patientin mit Sorge um die Familie, Abschied von der Heimat und der Familie, war für mich die Schwalbe passender.

 

Ergebnis
Nach der ersten Einnahme (Sonntag) verschlimmern sich zunächst die Schmerzen sowie die Bewegungseinschränkung der Schulter. Am nächsten Tag beschreibt sie sich als sehr depressiv und verzweifelt, weiß aber, dass dies eine Reaktion auf die Globuli sein konnte. „Ich hab mich gefühlt wie nach der Schwangerschaft“. Am Tag darauf (Dienstag) ist die depressive Stimmung völlig verschwunden. Innerhalb der nächsten zwei Tage bessern sich auch die Schulterbeschwerden eklatant.
Zwei Wochen nach der ersten Einnahme gibt sie an, dass die Bewegungseinschränkung um 60 %, die Schmerzen nachts um 90 % gebessert sind. Tagsüber habe sie annähend gar keine Schmerzen mehr. Auch ihre Stimmung ist gut. Sie wiederholt die Einnahme und berichtet einige Tage später: „Mir geht es psychisch
und physisch sehr gut. Bin sehr stabil und in mir geordnet. Ich spüre, dass gerade in mir so ein Urvertrauen (ein Thema, das sich bei der Prüfung von Apus deutlich zeigte) hochkommt … die innere Gewissheit,
dass sich vor allem beziehungsmäßig alles regeln wird. Natürlich kommen Ängste und Sorgen auf, wie sich all die geplanten Änderungen ausgehen werden … aber es überwiegt das Vertrauen, dass sich alles ausgehen wird und es ist gut aushaltbar, dass diese Veränderungen noch dauern werden … Die Nächte und der Schlaf werden immer besser. Manchmal vergesse ich sogar schon, dass ich eine Schulter-OP hatte …“

 

Diskussion
Die Nachbeobachtungszeit ist noch kurz, aber die tiefgreifende Besserung auf allen Ebenen und vor allem auch in der sonst therapieresistenen Schulter machen es jetzt schon wert diese Arznei als ein nahes Simile zu bezeichnen – möge sie sich in der Zukunft als Simillimum herausstellen.

 

Literatur
– Jonathan Shore, VÖGEL-Homöopathische Mittel aus dem Vogelreich; Narayana-Verlag
– SPEKTRUM 3/2010, VÖGEL; „Ein Leben im Flug“- Artikel von Andrea Amende
– SPEKTRUM 3/2010, VÖGEL; „Theorie & Praxis- Die Grundlagen zur Verschreibung von Vogelarzneien“- Interview mit Jonathan Shore
– Bhawisha & Shachindra Joshi, „Quick-Book, Minerale und Tiere“, deutsche Erstausgabe, Oktober 2015.
Mitschrift aus dem Seminar bei Bhawisha & Shachindra Joshi, 8.11.-10.11.2018 in Stockerau
Der Artikel wurde in modifizierter Form in der Zeitschrift Homöopathie in Österreich publiziert:
www.homoeopathie.at/publikationen/hioe
Dr. med. univ. Maria Eckert
maria.eckert@gmx.at

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