Kasuistik
Falco peregrinus bei depressiven Verstimmungen

Eine Mutter ist mit ihrem 14-jährigen Sohn, der derzeit die 4. Klasse Hauptschule besucht, in meine Praxis. Jakob [Name geändert] kann sich seit ca. zwei Jahren nicht gut konzentrieren beim Lernen und Schreiben. Er schläft auch abends schwer ein, seitdem er vor ca. einem halben Jahr beobachtete, wie sein Vater eine fremde Katze mit einem Stock quälte.

 

Für Jakob war das ein großer Schock, da er Tiere, vor allem Katzen, sehr liebt und sehr gern streichelt. Er brach daraufhin den Kontakt zum Vater ab, der weiterhin im Elternhaus wohnt, nachdem die Mutter vor drei Jahren mit den Kindern nach der Scheidung in eine kleine Wohnung gezogen war.


Jakob kennt seinen Vater kaum, wie er erzählt, er erinnert sich nur an Lieblosigkeiten, Schikanen und Bevormundung. Die Mutter und auch die Kinder wurden von ihm massiv psychisch tyrannisiert und unter Druck gesetzt. Vor kurzem forderte die Mutter mehr Alimente, danach beschimpfte der Vater ihn und einen Bruder und verlangte, sie sollten die Mutter davon abhalten, ihm seine Existenz zu rauben. Jakob hat auch Angst, der Vater würde wirklich mal Selbstmord begehen, wie er es schon häufiger androhte, obwohl er andererseits weiß, dass er es eh nicht macht.

Seit einem Monat fühlt sich Jakob von seinen Schulkollegen ausgeschlossen, da sie ihm nie sagen, wann sie sich treffen. Nachdem er in der 1. Klasse der Hauptschule (nach dem Umzug) Probleme hatte Anschluss zu finden, war das in der 3. Klasse besser. Mit zwei Schulkollegen, die ihn zurzeit in der Klasse auch ausgrenzen, ist er bei der örtlichen Feuerwehr – er liebt es dort, unter der motivierenden Leitung eines „coolen Trainers“ zu rennen, so wie alle Outdoor- Aktivitäten. Schon als Kleinkind sei er sehr aktiv und ruhelos gewesen, laut Mutter schon im Uterus.

 

Mit der ältesten Schwester (20) versteht sich Jakob am besten – er vermisst sie jetzt, da sie schon auswärts studiert. Mit den beiden Brüdern, vier Jahre älter und zwei Jahre jünger, versteht er sich aber auch ganz gut. Mit seiner Mutter, einer Musiklehrerin, kann sich Jakob immer gut aussprechen. Streit mag er gar nicht und er ärgert sich, wenn jemand schlecht drauf ist und „alle anmotzt“. Seit vier Jahren spielt er Saxophon – übt gern, wenn es ihm gut geht. Wenn er schlecht drauf ist, spielt er lieber am PC – ein Spiel, bei dem es um die Konstruktion von Gebäuden geht.

 

Jakob hat keinen Appetit, wenn es ihm schlecht geht. Sonst mag er gerne Süßspeisen, Vegetarisches, gebackenen Käse, kein Fleisch. Der Durst ist eher groß – vor allem auf Wasser und „kuhwarme“ Milch. Stuhlgang hat er nur zweimal pro Woche, aber in normaler Konsistenz. Er schwitzt leicht, besonders im Gesicht und axillär. Er mag Sommer und Winter, nur den Herbst nicht, weil da „etwas stirbt“. Im Raum hat er
es lieber warm, draußen lieber ganz kalt oder warm, wobei zu viel Hitze unangenehm ist.

 

Als Kind hatte er häufiger Pneumonien, Angina tonsillaris, Otitiden und einige Knochenbrüche – wurde schon
damals von einem Kollegen homöopathisch behandelt.

 

Methode, Ergebnis
Als erste Arznei verordnete ich Strontium carbonicum Q6, täglich fünf Globuli. Die Nähe zur Musik, das Gefühl, er muss die Freundschaft aufrecht erhalten und der Wunsch nach einer (väterlichen) Führung (laut Sankaran) ließen mich an diese Arznei denken. Laut seiner Mutter saß Jakob auch oft traurig und eher unzufrieden herum, was sich auch in den Rubriken bei Strontium carbonicum findet, ebenso aber auch sein geäußertes
Verlangen nach Bewegung, wie die Abneigung gegen Fleisch und sogar die häufigen Knochenbrüche passten dazu.

Im Juli berichtete mir seine Mutter bei ihrer Erstanamnese, dass Jakob besser schlafe und sich insgesamt etwa besser fühle. Wir erhöhten auf Q12 und im November auf Q18, nachdem er sich wieder energieloser fühlte und sich mehr hängen ließ. Besser sei es nur unter Freunden.

 

Bei der Kontrolle im Februar 2013 hatte Jakob wieder „keinen Schwung beim Lernen“, vor allem wenn er keine
Freunde treffen kann. Er spiele sich auch oft mit blöden Meldungen als Kasperl in der Klasse auf. Der Schlaf sei aber noch immer besser. In den letzten zwei Monaten sei er häufiger mit Nasenbluten aufgewacht. Er besucht nun die 1. Klasse eines Musikgymnasiums- schloss sich diesbezüglich auch seinen Freunden an.
Meine Verordnung war nun Phosphor Q6, da die Freunde eine so große Rolle spielen und auch wegen dem neu aufgetretenen Nasenbluten nachts. Zudem ist Phosphor auch ein unterschätztes Kummermittel
(nicht nur) für Jugendliche.

 

Erst im Mai 2015 meldete sich Jakob wieder und kommt allein in die Praxis. Er geht nun in die 7. Klasse und fühlt sich in letzter Zeit sehr schwunglos, nichts freut ihn, was vor allem im Frühling und Herbst noch schlimmer ist. Wenn er singt, bessert sich seine Stimmung aber immer, ebenso mit Freunden, wenn diese „gut drauf sind“. Er lernt auch leichter mit anderen. Wenn er sich depressiv fühlt, ist „alles weiter weg“, ebenso, wenn ihn was nicht interessiert. Er hört, aber es kommt nicht ganz zu ihm, geht vorbei an ihm.

 

Morgens ist die Stimmung immer schlechter als abends, er kommt auch schwer aus dem Bett. Neigt dazu, alles auf den nächsten Tag zu verschieben. Die Sonne sei das allerbeste, auch wenn jemand echte Anteilnahme zeigt, tue es ihm gut. Als ich nochmals nachfrage, sagt er, dass er sich oft wie in einer eigenen Welt fühle, wie „eine Raupe in einem Kokon“, abgetrennt von den anderen, was ein sehr unangenehmes
Gefühl sei. Er mag noch immer Katzen, aber auch Vögel und Schmetterlinge. Lieblingsfarbe: 1C bis 2C (gelb).

 

Leitend für die Arzneiwahl waren nun vor allem die neu aufgetauchten Empfindungen von Derealisation (wahrgenommene Welt wirkt fern) und die depressive Verstimmung besonders morgens, gebessert durch Musik und Freunde.


In die Repertorisation nahm ich auch die vorher bestehenden Beschwerden auf, wie Lernprobleme, Schlaflosigkeit, Versinken in eigene Gedanken und Bevormundung für lange Zeit. Nachdem Jakob auch Gelb als Lieblingsfarbe wählte und sogar das im Repertorium erscheint, kam ich zu Falco peregrinus, eine mir auch noch wenig bekannte Arznei.

 

Falco hat auch Beschwerden nach Missbrauch/Misshandlung (der ganzen Familie durch den Vater) und daraufhin Scham- und Schuldgefühle, die Jakob zwar nicht äußerte, die aber ein Thema für seine Mutter waren, die auch meine Patientin wurde, ebenso wie der jüngere Bruder, der mit einer Essstörung auf die
Traumatisierung reagierte.


Somit erhielt Jakob Falco peregrinus C200 als Einmalgabe. Fünf Wochen später berichtet er über deutlich mehr Energie, hatte nur zwischendurch mal einen kleinen Einbruch. Im Juli wurde Falco peregrinus C200 wiederholt, nachdem er sich von der Schule wieder sehr erschöpft fühlte – auch danach ging es ihm deutlich besser, sowohl stimmungsmäßig als auch beim Lernen, vor allem für eine Nachprüfung, die er auch gut
schaffte.

Repertorisation
Repertorisation

Anfang Dezember 2018 sucht Jakob nach über drei Jahren wieder meine Praxis auf. Er klagt darüber, dass er sich wiederum sehr demotiviert fühlt, besonders, wenn er zuhause lernen sollte. In der Abendschule, einem technischen College, kann er sich gut konzentrieren. Im Gymnasium vorher ging es sich ohne viel Lernen knapp, aber doch immer aus, dass er die Klasse schaffte. Nun sei er aber ehrgeizig geworden und müsste mehr zuhause lernen.

 

Nach wie vor geht es ihm zusammen mit Freunden besser, ebenso, wenn er mit seiner Freundin zusammen ist. Aber er zieht es auch häufiger vor, allein zu sein, wenn ihm „die Kontakte zu stark sind“. Er steht auch nicht gern auf, geht spät schlafen – oft erst gegen 4 Uhr. Die Mutter weckt ihn dann um 11 Uhr – er fühlt sich dann nicht ausgeschlafen. Jakob gesteht mir nun erstmals, dass er zwischen 15 und 17 Jahren zeitweise
Marihuana rauchte – er fühlte sich danach immer zwei Wochen lang sehr depressiv. Das gehörte also auch zur Vorgeschichte der Konsultation im Mai 2015, die dann zur Verschreibung von Falco peregrinus führte.

 

Somit war ich ermutigt, Jakob neuerlich Falco peregrinus C200 zu geben. Er berichtet daraufhin Ende Januar
2019, dass es ihm wieder besser ging. Er konnte sich wieder besser beim Lernen konzentrieren, hatte mehr Energie und schläft auch länger. Aber die Wirkung lasse nun wieder nach. Daher ging ich dazu über, ihm die Arznei ab Februar in Q18 (vorerst täglich) zu verschreiben, was zu einer Stabilisierung der Wirkung führen soll.

 

Diskussion
Laut Jonathan Shore finden sich folgende Themen bei Vogelarzneien, die ich auch bei meinem jungen Patienten wiedererkenne:
• Distanziertheit (Rubriken: Gemüt, distanziert und Wahnidee, getrennt von der Welt)
• Wunsch, sich an einen anderen Ort zu teleportieren z. B. mit Drogen
• Schwierigkeiten sich beim Lernen zu fokussieren
• Enger sozialer Bezug – zur Familie, zu Freunden
• Innere Unruhe; Inappetenz
• Wunsch nach Freiheit und Unabhängigkeit, sich aus der Gefangenschaft zu befreien – wobei das Jakob nur im Wunsch nach Alleinsein, wenn „Kontakte zu stark“ würden, ansprach. Aber seine Mutter hatte sich nach zehnjähriger „Gefangenschaft“ in der Ehe nach einem für sie klärenden Krankenhausaufenthalt entschieden,
sich vom Vater zu trennen. Ihr Mann hatte nach der von ihm ungewollten vierten Schwangerschaft jede Kommunikation mit ihr abgebrochen, da sie sich weigerte, das Kind abzutreiben. Auf Ankündigungen, dass sie
sich trennen wolle, hatte er immer mit Selbstmord- oder Morddrohungen reagiert und die ganze Familie
psychisch terrorisiert.


Laut Sankaran gehört Falco peregrinus zum Lepra-Miasma, was sich bei Jakob auch im Gefühl des Ausgeschlossenseins deutlich zeigte, aber auch als Thema für die ganze Familie Gültigkeit
hatte.

 

Durch die Arzneimittelprüfung von Misha Norland 1997 wurde Falco peregrinus mit vielen Rubriken im Repertorium nachgetragen und taucht dadurch auch häufiger in Repertorisationen auf, wobei ich bis zu der Geschichte von Jakob noch keine andere gute Verschreibung damit erlebt hatte.

 

Der Artikel wurde in modifizierter Form in der Zeitschrift Homöopathie in Österreich publiziert:
www.homoeopathie.at/publikationen/hioe
Dr. med. Rosemarie Brunnthaler-Tscherteu
Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin, Privatpraxis in Linz, Österreich

PM 7-8-2019