Begleittherapie bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind eines der größten Probleme der
industrialisierten Welt und gehören zu den häufigsten Todesursachen. Es
ist bekannt, dass sie noch häufiger als Krebserkrankungen zum Tode führen. Obwohl sich die Therapien in denletzten Jahrzehnten deutlich verbesserthaben, sind die Beschwerden undEinschränkung in der Lebensqualität mitunter eine große Belastung für die betroffenen Patienten, die sich durch adjuvante, komplementäre Therapien wie durch homöopathische Arzneimittel eine Verbesserung von Symptomatik und Lebensqualität erhoffen.

 

Anhand der folgenden Fälle soll gezeigt werden, dass auch Herz-Kreislauf- Erkrankungen durch homöopathische Arzneimittel gut begleitet werden können und die Patienten sehr rasch auf ein homöopathisches Präparat ansprechen.

 

Cactus grandiflorus (Königskerze) – eine Arznei aus der Familie der Cactaceae – beschreibt charakteristischerweise ein Einschnürungsgefühl mit heftigen Herzschmerzen und -stichen. Laut Boericke ist Cactus eine sehr gute Arznei im Anfangsstadium der Herzinsuffizienz und hochwertig nach Endokarditis
mit Mitralklappeninsuffizienz, eine Erkrankung, die sich dank moderner medizinischer Diagnostik und Therapie
nur noch selten in unseren Praxen zeigt. Linksliegen und eine Verschlechterung vor den Menses sind typische Modalitäten von Cactus.

 

Kasuistik 1 – Herzbeschwerden im Rahmen einer Chemotherapie

Eine 51-jährige Patientin, die sich im Rahmen eines Rezidivs ihres drei Jahre zuvor diagnostizierten Ovarialkarzinoms mit Metastasierung in verschiedene Lymphknotenstationen einer Chemotherapie unterziehen musste, berichtete bei einer Kontrolle in meiner Ordination über zuletzt neu aufgetretene
Herzbeschwerden. Die Durchuntersuchung im Spital hatte keine pathologischen Befunde ergeben, die
Patientin hatte jedoch Angst, dass das vermehrte Herzklopfen und das wiederholt auftretende Engegefühl doch Anzeichen eines Herzproblems als Folge der Chemotherapie sein könnten.

 

Sie berichtete auch über stechende, schneidende Magenschmerzen und intensive Durchfälle mit krampfartigen Bauchschmerzen in den Tagen nach der Chemotherapie; die Durchfälle besserten sich einige Tage nach der Behandlung, die anderen Beschwerden blieben jedoch hartnäckig. Auffallend waren ebenso neu aufgetretene Kopfschmerzen, die sie „wie von einer Faust gepackt“ schilderte. Sie hatte das Gefühl, dass das „Gehirn“ weh täte und sich ein schwerer Ring um den Kopf legte. Am meisten aber belasteten sie die Herzbeschwerden. Sie hatte ein starkes Einschnürungsgefühl, verbunden mit dem Gefühl, nicht ausreichend einatmen zu können.

 

In der Materia medica findet sich bei Cactus grandiflorus das Symptom „Kopf wie von einem Schraubstock zusammengedrückt mit dem Gefühl, als ob ein Gewicht auf dem Scheitel läge. Die von meiner Patientin beschriebene Empfindung des „von einer Faust gepackt sein“ wird eher bei den Herzsymptomen erwähnt.

 

Ich verordnete Cactus grandiflorus in tiefer Potenz mehrmals täglich einzunehmen und die Beschwerden verschwanden innerhalb weniger Tage.

 

Als die Symptome im Rahmen der nächsten Chemotherapie erneut auftraten, schuf auch diesmal Cactus wieder rasch Abhilfe.

 

Laurocerasus (Kirschlorbeer) ist eine bewährte Arznei bei Patienten, die im Rahmen einer Herzerkrankung an Husten leiden. Dieser wird als kitzelnd und krampfartig beschrieben. Auch diese Patienten verspüren ein Einschnürungsgefühl, greifen sich ans Herz und schnappen nach Luft. Die bei Herzpatienten mitunter typischen Trommelschlegelfinger sind ebenso in den Beschreibungen der Materia medica zu finden.

 

Carbo vegetabilis (Holzkohle, ausgeglühtes Birkenholz) ist in seinen Leitsymptomen gekennzeichnet durch
unvollständige Oxidation, Sauerstoffmangel und Zerfall. Es ist besonders hilfreich bei Patienten, die sich nach
vorangegangenen Erkrankungen nicht richtig erholt haben und sich erschöpft und kraftlos fühlen.


Foto: william87/istock - getty images
Foto: william87/istock - getty images

Einen besonders beeindruckenden „Naja-Fall“ berichten M. Frass und M. Bündner in ihrem Buch „Homöopathie in der Intensiv- und Notfallmedizin“: Ein 60-jähriger Patient war auf offener Straße bewusstlos zusammengebrochen. Zeugen beschrieben den Hergang als „wie vom Blitz getroffen“. Zum Zeitpunkt der Einlieferung bestanden beim Patienten sowohl Puls- und Reflexlosigkeit sowie starre Pupillen und eine schwache und oberflächliche Atmung. Daher stellten die aufnehmenden Ärzte die Diagnose eines akuten MCI mit Anzeichen primärer Mitbeteiligung des ZNS. Im EKG zeigten sich deutliche plateauartige ST-Hebungen. Ein anwesender Kollege erinnerte sich an eine alte Fallbeschreibung
bei Clarke, wo eine ähnliche „wie vom Blitz getroffene“ Klinik nach dem Biss einer Kobra beschrieben wurde und verabreichte dem Patienten Naja C30. Die im Fall beschriebene schlagartige Besserung sowohl in der Klinik des Patienten als auch die im EKG nachvollziehbare Besserung der Symptomatik gehören für mich zu einer der beeindruckendsten Schilderungen in diesem Buch.


Kasuistik 2 – Hilfe bei Anzeichen von Erschöpfung

 

Eine meiner Patientinnen, die ich im Rahmen ihrer Tumorerkrankung betreue, hat sich im Winter 2018 mit
einer anhaltenden Schwäche und Atem- und Herzbeschwerden vorgestellt.

 

Die Patientin, knapp 80 Jahre alt, leidet seit nunmehr drei Jahren an einem Adenokarzinom der Lunge; trotz neoadjuvanter Chemotherapie und Operation kam es 2018 zu einem Rezidiv, das sich zu Beginn durch eine Rekurrensparese äußerte. Es wurde eine Antikörperbehandlung mit Nivolumab eingeleitet, klinisch verschlechterte sich die Patientin jedoch laufend.

 

In der Ordination schilderte sie nicht nur ihre ausgeprägte Schwäche nach einem Infekt der Atemwege, sondern beklagte auch die zunehmende Luftnot und die neu aufgetretenen Herzbeschwerden. Diese waren eher unspezifisch und äußerten sich in Blässe des Gesichtes und einem intensiven Bedürfnis nach frischer Luft, wenn die Patientin den Eindruck hatte, „das Herz schafft das Pumpen nicht“. Trotz eisiger Kälte in diesem Winter bestand meine Patientin auch in der Ordination auf einem geöffneten Fenster (ihr begleitender Mann saß dick eingepackt in seiner Winterjacke daneben) – aber nur so empfand sie ihren Zustand als halbwegs erträglich.

 

Im Verlauf der Anamnese schilderte sie auch ihre Appetitlosigkeit und die intensive Abneigung gegen Fleisch „obwohl ich doch immer so ein „Fleischtiger“ war“ – alles Symptome, die eindeutig auf Carbo vegetabilis als angezeigte Arznei hinweisen. Nach Gabe einer Hochpotenz empfand die Patientin sehr rasch
eine Verbesserung ihrer Schwäche. Ihre Herzbeschwerden traten seltener auf und auch auf psychischer Ebene war die Patientin wieder positiver gestimmt.

 

Arsenicum album (weißes Arsenik) ist eine wertvolle Unterstützung, wenn bei den Betroffenen Ängstlichkeit
im Vordergrund steht. Ruhelosigkeit und nächtliche Verschlimmerung sind typisch, wenn Arsenicum album
angezeigt ist. Wohlbekannte Symptome sind der große Durst. Getränke werden in großen Mengen aber kleinen Schlucken getrunken. Herzklopfen, Atemnot und Schmerzen stehen im Vordergrund. Leiden die Patienten an Angina pectoris, wird häufig eine Erstreckung in den Hals und den Hinterkopf beschrieben. Wärme und Hochlagern des Kopfes bessern die Beschwerden, wohingegen Kälte schlecht vertragen wird.

 

Oleander (Rosenlorbeer) ist nicht nur bekannt für seine Herzsymptome, sondern darüber hinaus für die gute Wirkung bei Affektionen der Haut; die Haut ist empfindlich, typisch ist ein heftig juckender, nässender, eventuell sogar blutender Ausschlag; dieser ist vorrangig am Kopf und hinter den Ohren lokalisiert; hier ähnelt das Hautbild den ebenfalls für diese Prädilektionsstellen bekannten Arzneien Petroleum und Graphites.

 

Bei den Herzbeschwerden steht auch bei Oleander das Beklemmungsgefühl im Vordergrund, begleitet von Schwäche und einem leeren Gefühl in der Brust. Manche Patienten beklagen Dyspnoe beim Hinlegen.

 

Im Rahmen der homöopathischen Unterstützung von Herzinsuffizienz dürfen die Schlangenmittel nicht außer Acht gelassen werden.

 

Naja tripudians (indische Kobra) ist nach alten Quellen hilfreich, wenn das Herz nach Infektionskrankheiten geschädigt ist. Der Puls ist unregelmäßig, die Schmerzen erstrecken sich typischerweise zum Nacken, in den linken Arm und zur Schulter – Symptome, die wohlbekannt sind und immer als Alarmzeichen gelten müssen.

 

Lachesis muta (Buschmeisterschlange) ist die wohl bekannteste Schlangenarznei; sie ist bei Herzbeschwerden im Klimakterium oft eine gute Hilfe; Herzklopfen kann mitunter von Ohnmachtsanfällen
begleitet sein. Die typischen Modalitäten – wie das „Schlafen in die Verschlimmerung“ und auch das plötzliche Auffahren im Einschlafen sind wohlbekannte Symptome dieser Arznei. Lachesis leistet auch bei anderen Erkrankungen wie Halsentzündungen und Beschwerden im Zusammenhang mit Hämorrhagien
wertvolle Dienste.

 

Anhand der zuvor genannten Fälle zeigt sich, dass auch chronische Erkrankungen mittels homöopathischer Mittel gut begleitet werden können und die Patienten sehr rasch ein Ansprechen zeigen.


Quellen:
– Boericke: Handbuch der homöopathischen Arzneimittellehre, Narayana Verlag
– Frass, Bündner: Homöopathie in der Intensivund Notfallmedizin, Elsevier Verlag
Dr. med. Ilse Fleck-Vaclavik
Ärztin für Allgemeinmedizin,
ÖÄK Diplom für Homöopathie
Donauwörtherstraße 20, A-2380 Perchtoldsdorf
ordination.fleck@gmx.at

PM 6-2019